Kahvehane - Turkish Delight, German Fright
Anatolische Kaffeehäuser in Kreuzberg und Neukölln
Theater-Parcours durch anatolische Kaffeehäuser in Kreuzberg und -Neukölln
Kuratiert von Tunçay Kulaoğlu und Martina Priessner
„Zutritt nur für Vereinsmitglieder!“ prangt es an milchig weißen Fensterscheiben anatolischer Kaffeehäuser in Berlin. Für Außenstehende sind die Kahvehane Leerstellen in der Stadt. Kahvehane sind aber auch eine Verbindung zur Heimat. Sie verweisen auf ein Stück deutsch-türkische Migrationsgeschichte.
Das Projekt bringt zwölf KünstlerInnen mit jeweils einem Kaffeehaus zusammen. Es entstehen zwei begehbare Theater-Parcours in Kreuzberg und Neukölln. Die Interventionen schaffen Ausnahmesituationen; die Räume öffnen sich für widersprüchliche Nutzungen und Verständnisse.
Das Mapping der Kaffeehäuser und ihre Visualisierung dokumentiert amüsante Details, traurige Grundrisse, alltägliche Ansichten - eine Typologie der Kahvehane entsteht.
Mit Arbeiten von Züli Aladağ, Sinan Akkuş, Mıraz Bezar, Neco Çelik, Silvina Der-Meguerditchian, Canan Erek, Nurkan Erpulat, Stephan Geene, Loulou Omer, Michael Ronen, Branko Simic, Silke Wagner
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Migration bedeutet immer Leiden an dem Verlust von Heimat, aber auch das Eintauchen in eine schöpferische Situation, die die Voraussetzung für das Überleben in der Migration ist. Der Zugezogene wird zum Kartographen seiner Identität. Jeder Kaffeehausbesucher trägt, wie andere Stadtbewohner auch, eine mentale Karte in sich. Sie setzt sich zusammen aus Wegen und Territorien, aus vertrauten Orten und Situationen, die den tatsächlichen urbanen Raum subjektiv konfigurieren. Jede Karte im Kopf und im Herzen zeichnet ein anderes Bild der Stadt, ein Organigramm des Alltags, eine feine Spur des Privaten und des Öffentlichen. Im Falle Berlins müssen wir uns die imaginären Stadtpläne von 3,5 Millionen Einwohnern vorstellen. Innerhalb dieses Gefüges kreuzen sich unzählige Wege, und manche Orte finden sich nur auf den imaginären Landkarten einer ganz bestimmten, fest umrissenen Gruppe.
Die türkischen Kahvehane in Neukölln und Kreuzberg (...) symbolisieren und manifestieren eine Heimat, die es so, wie sie die Gastarbeiter der ersten Generation verlassen haben, nicht mehr gibt. Sie wurde dennoch in die westeuropäische Metropole mitgebracht; zwangsläufig ging auf dem Weg dorthin so manches verloren, anderes wurde gewonnen. Die Inventur gibt Aufschluss: Namen, Speisekarten, Schaufenster, Grundrisse, Rezepte, Einrichtungsgegenstände, Beleuchtung, Wandbehang und nicht zuletzt Rituale und Besucher. Heimat als eine unbewusste Verstrickung in Gewohnheiten. Sie ist Ursache, Ergebnis und Teil einer Wanderung, die sich unwiderruflich ins Stadtbild eingeprägt hat.
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Kino aus der Türkei von den 60er Jahren bis heute
Seit Mitte der 90er Jahre erlebt der türkische Film ein nicht zu übersehendes Comeback. Nuri Bilge Ceylan, Zeki Demirkubuz, Reha Erdem, Semih Kaplanoğlu und Yeşim Ustaoğlu sind die wichtigsten Vertreter eines neuen unabhängigen türkischen Kinos, das eine ungeheure Kraft und Entschlossenheit ausstrahlt. Während türkisches Independent-Kino auf internationalen Festivals zur Zeit regelmäßig Erfolge feiert, findet es sein Publikum in Deutschland nur mit Mühe. Um so mehr freuen wir uns, dass wir zum Auftakt unserer Filmreihe quer durch die türkische Filmgeschichte am 5.12. mit ÜÇ MAYMUN (Drei Affen) von Nuri Bilge Ceylan eine Premiere zeigen können. Ceylans Familientragödie wurde beim Festival in Cannes als sein dritter Film in Folge – nach Uzak (2003) und İklimler (2006) – ausgezeichnet. Mit dieser "Parabel über verdrängte Schuld eroberte sich der Regisseur endgültig einen Platz unter den großen Stilisten des Weltkinos." (Michael Althen) Mit der von Martina Priessner kuratierten Filmreihe präsentieren wir ein breites Panorama des türkischen Kinos von den 60er Jahren bis heute: vergessene Raritäten, Klassiker, Beispiele aus der "Goldenen Ära" des türkischen Kinos in den 60er und 70er sowie Komödien aus den 80er Jahren. Wir zeigen außerdem herausragende Filme aus der Zeit der Anfänge des neuen unabhängigen Kinos ab Mitte der 90er Jahre, aktuelle Produktionen und Beispiele für das in der Türkei sehr erfolgreiche politische Mainstream-Kino.
Ein Höhepunkt im Programm ist die Wiederentdeckung des Films SUSUZ YAZ (Trockener Sommer) von Metin Erksan aus dem Jahr 1964, der trotz Auszeichnung mit dem Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele viele Jahrzehnte lang in Vergessenheit geraten war. Für das türkische Kino war dieser Preis der erste internationale Erfolg und von großer Bedeutung. Die deutsche Kritik wertete den Film als folkloristisches Melodram ab und bezeichnete die Preisvergabe als eklatante Fehlentscheidung. Nun, ein halbes Jahrhundert später, gibt es eine neu restaurierte Kopie, und somit bietet sich die Gelegenheit, die Urteile von damals zu überprüfen.
Ein besonderer Fokus des Programms liegt auf den Kurzfilmen türkisch-deutscher RegisseurInnen, die wir jeweils vor dem Langfilm zeigen. Anfang der 90er Jahre begannen deutsch-türkische FilmemacherInnen der zweiten und dritten Generation, ihre so noch nie erzählten Geschichten auf die Leinwand zu bringen. Kurzfilme wie GRÄFIN SOPHIA HATUN (1998) von Ayşe Polat, BERİVAN (1996) von Mıraz Bezar und TOTENTRAUM (1995) von Ayhan Salar stehen beispielhaft für erste Versuche, Klischees und stereotype Vorstellungen über migrantisches Leben in Frage zu stellen.
Mit der Arbeitsmigration nach Deutschland setzen sich türkische Filme bereits seit den 70ern auseinander. Ein Höhepunkt der türkischen Filmkunst ist der Film ALMANYA ACI VATAN (Deutschland, bittere Heimat, 1979) des Altmeisters Şerif Gören, in dem das Klischee vom männlichen Migranten eine Umkehrung erfährt. Wir zeigen diesen außergewöhnlichen Film im Zusammenhang mit einem Videovortrag von Tunçay Kulaoğlu, der eine Bilderreise durch 30 Jahre Migration im türkischen und deutschen Kino entlang der Stationen Aufbruch, Unterwegssein, Ankunft und Rückkehr unternimmt.
Türkisches Kino ist untrennbar mit dem Begriff Yeşilçam (Grüne Tanne) verbunden. Heute ist Yeşilçam eine nostalgische Bezeichnung für die "Klassiker der alten Schule", die in den 60er und 70er Jahren die "Goldene Ära" des türkischen Films begründeten. In den Yeşilçam-Studios in Istanbul wurden bis zu 200 Filme jährlich produziert. Sie funktionieren nach dem immer gleichen Prinzip: Armer Junge und reiches Mädchen verlieben sich, finden aber erst nach vielen Umwegen zueinander.
In den 60er Jahren erlebte die türkische Gesellschaft eine radikale Politisierung, ausgelöst durch den Putsch von 1960, im Zuge dessen auch die Verfassung aus der Zeit der Republikgründung im Jahr 1923 durch eine liberalere ersetzt wurde. Diese Entwicklungen fanden ihren Niederschlag auch in der Filmkunst. Ein Beispiel hierfür ist UMUT (Hoffnung, 1970) von Yılmaz Güney. Die Geschichte eines Kutschers, der versucht, sich und seine Familie durchs Leben zu bringen, steht für kompromissloses politisches Kino, das Güney immer wieder Gefängnisstrafen eintrug, das türkische Kino inhaltlich und formal aber revolutionierte und auch seinen internationalen Durchbruch bedeutete.
Die sich anbahnende Krise der Kinoindustrie verstärkte sich Anfang der 70er durch die Konkurrenz des Fernsehens. Der Militärputsch 1980 setzte dem "Goldenen Filmzeitalter" dann ein endgültiges Ende. Der Druck der reaktionären Kräfte, die Verhärtung der Zensur und die Enttäuschung bei den Künstlern und Filmemachern schuf ein Klima des Pessimismus und der Verzweiflung. Zwei der außergewöhnlichen Filme, die in dieser Zeit entstanden, zeigen wir im Programm: ZÜĞÜRT AĞA (1985) – ein Prototyp der sozialkritischen Komödie – von Nesli Çölgeçen, thematisiert den Untergang eines Feudalherrschers, der von der Zeit überholt wird, auf äußerst witzige Weise. Ein anderer Klassiker aus der gleichen Zeit ist die Tragikkomödie MUSHİN BEY (1986) von Yavuz Turgul.
In der Folgezeit weicht der direkte Gestus, mit dem soziale Missstände noch bei Yılmaz Güney thematisiert werden, eher leisen Innenansichten. Zu den wichtigen Figuren eines "alternativen" türkischen Films gehört ab Ende der 80er Jahre der Regisseur Ömer Kavur. Wir stellen seinen viel diskutierten magisch-poetischen Film GİZLİ YÜZ (1990) vor, zu dem Orhan Pamuk das Drehbuch schrieb.
Seit Mitte der 90er ist das türkische Kino wieder im Aufwind – sowohl künstlerisch als auch im kommerziellen Bereich. Die Generation der jungen Autorenfilmer, die in den letzten Jahren international große Erfolge feiert, setzt auf ästhetische Experimente und – aufgrund der fehlenden Förderstruktur gezwungenermaßen – vor allem auf Low-Budget-Finanzierung. Nicht wenige der Filme knüpfen im Grunde dort an, wo Yılmaz Güney vor 20 Jahren aufgehört hat. In langsamen, minimalistischen Bildkompositionen thematisieren viele der Geschichten die türkische Gesellschaft als ein übermächtiges, statisches System, in dem das Individuum nur sehr begrenzte Freiheiten hat. Die Erfahrung der Militärdiktatur von 1980 bis 1982 spielt für diese Generation von Filmemachern eine zentrale Rolle. Stilistisch sehr unterschiedlich, kreisen ihre Filme um einzelne Protagonisten und deren innere Zerrissenheit in einem sich verändernden Land. Von Zeki Demirkubuz zeigen wir MASUMİYET (1997), einen seiner frühen Filme. Nuri Bilge Ceylan ist neben ÜÇ MAYMUN noch mit seinem älteren Film MAYIS SIKINTISI (1999) vertreten. Von Semih Kaplanoğlu zeigen wir aus seiner Yusuf-Trilogie YUMURTA (2007), ebenfalls eine Premiere in Berlin.
Yeşim Ustaoğlu ist eine der wenigen Filmemacherinnen aus der Türkei, die international erfolgreich ist. Sie ist mit BULUTLARI BEKLERKEN (2004) vertreten, der die Vertreibung der Pontus-Griechen in der Türkei thematisiert. Das türkische Kino differenziert sich immer weiter aus. Zwei weitere wichtige Namen sind Reha Erdem mit seinem filmischen Poem BEŞ VAKİT (2006) und Derviş Zaim mit seinem preisgekrönten Debüt TABUTTA RÖVAŞATA (1996). Uğur Yücel hat mit seinem Drama YAZI TURA (2004) für das türkische Kino eine völlig neue Bildsprache entworfen, die die unruhigen Verhältnisse des Landes visuell umsetzt. Dominiert wird auch das türkische Kino vom Mainstream – allerdings, und das ist ungewöhlich, vom nationalen Mainstream, der sagenhafte 40 Prozent der Einspielergebnisse verbucht. Darunter finden sich auch politisch anspruchsvolle und gut gemachte Produktionen, wie BEYNELMİLEL von Sırrı Süreyya Önder und Muharrem Gülmez.
ÜÇ MAYMUN (Drei Affen, Nuri Bilge Ceylan, 2007, 5.12., Einführung: Martina Priessner): Der Politiker Servet überfährt eines Nachts einen Fußgänger. Statt selbst dafür gerade zu stehen, überredet er seinen Chauffeur Eyüp, die Schuld auf sich zu nehmen und eine neunmonatige Haftstrafe für ihn abzusitzen. Während Eyüp im Gefängnis sitzt, beginnt Servet ein Verhältnis mit dessen Frau Hacer. Als der Sohn Ismail von dem Verhältnis erfährt und der Vater aus der Haft kommt, droht alles zu eskalieren. In hypnotischen Bildern entwirft Ceylan das Porträt einer türkischen Kleinfamilie, deren Mitglieder getreu der Fabel von den drei Affen nichts sehen, nichts hören und nichts sprechen wollen.
"Stationen der Migration im Film" – Ein Videovortrag von Tunçay Kulaoğlu (6.12.): Es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis sich Anfang der 90er Jahre FilmemacherInnen in Deutschland daran wagten, Bilder für Migration jenseits des Opferdaseins zu entwerfen. Im türkischen Film hat die Migrationsgeschichte seit den 70ern Spuren hinterlassen. Der Vortrag unternimmt eine Bilderreise durch mehrere Jahrzehnte Filmschaffen und beleuchtet Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Kontinuitäten und Brüche in der filmischen Darstellung von Migration. Motive von Aufbruch, Unterwegssein, Ankunft und Rückkehr stehen dabei im Mittelpunkt.
KIRMIZI YEŞİL (Rot Grün, Şerif Gören, 1988, 6. & 21.12.): Ein essayistischer Dokumentarfilm über die Hektik der Großstadt, die kulinarische Multikulturalität der Berliner Nächte und die beiden Ampelmännchen, die zum Halten und Weitergehen auffordern.
ALMANYA ACI VATAN (Deutschland, bittere Heimat, Şerif Gören, 1979, 6. & 21.12.) nimmt unter den Filmen aus der Türkei, die sich mit dem Thema Migration auseinandersetzen, eine Sonderstellung ein, da das Bild vom Migranten eine Umkehrung erfährt. Hier ist es Güldane, eine selbstbewusste junge Frau, die nach Deutschland geht, in einer Frauen-WG lebt und in der Fabrik arbeitet. Şerif Gören, dem 1982 mit Yol (Der Weg) der internationale Durchbruch gelang, setzte sich intensiv mit dem Thema der Migration auseinander.
GRÄFIN SOPHIA HATUN (Ayşe Polat, 1998, 7. & 8.12.) schickt ihren türkischen Diener, in dem sie einen Schicksalsgenossen sieht, zurück in die Freiheit. Eine gut gemeinte, aber grausame Entscheidung, wie sich bald darauf herausstellt.
UMUT (Hope, Yılmaz Güney, 1970, 7. & 8.12.): Güney selbst spielt in dem Film, der als sein erstes Meisterwerk gilt, den mittellosen Kutscher Cabbar, der sein Dorf verlässt, um in der Stadt seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Als eines seiner Pferde bei einem Unfall getötet wird, beginnt der nackte Kampf ums Überleben. Güneys Filme bieten keine Lösungen an; die Charaktere fallen immer tiefer, bis der Film eine ironische, surreale, stellenweise tragische Komik erhält.
FERN (Mıraz Bezar, 1994, 7. & 18.12.) erzählt die Geschichte einer Familie, in der vieles unausgesprochen bleibt und in der Erinnerung schmerzhafte Narben hinterlässt, die eines Abends zu einem tragischen Ende führen.
GİZLİ YÜZ (Secret Face, Ömer Kavur, 1991, 7. & 18.12.): Eine Frau bricht in zwei Tagen mit dem, was 20 Jahre lang ihr Lebensraum war: Sie hat jenes geheimnisvolle Gesicht gefunden, das sie so lange gesucht hat. Mit ihm, einem Uhrmacher, der von der verborgenen Magie der Zeit weiß, verschwindet sie spurlos in eine andere Welt. Das Drehbuch, das Motive der islamischen Mystik aufgreift, schrieb Orhan Pamuk. Ömer Kavur, einer der wichtigsten türkischen Filmemacher, interessiert sich weniger für die politische als für die existenzielle Dimension, die sich visuell ausdrückenlässt.
LASSIE (Sinan Akkuş, 2002, 11. & 12.12.): Drei Vorstadtganoven platzen auf der Suche nach der besten Kuttelsuppe in die Dreharbeiten zu einem Werbespot für eine Dönerbude.
ZÜĞÜRT AĞA (The Agha, Nesli Çölgeçen, 1985, 11. & 12.12.) ist der Prototyp gesellschaftskritischer Komödien, wie sie in der Türkei sehr erfolgreich bis Mitte der 80er Jahre produziert wurden. Eine schlimme Trockenperiode sucht das Land heim, und der Aga ist gezwungen, all seine Ländereien, bis auf ein Dorf, zu verkaufen. Fortan konzentrieren sich seine Hoffungen auf dieses Dorf, bis er die Verzweiflung der Dörfler mit ganzer Wucht zu spüren bekommt. Der legendäre Şener Şen spielt mit schlichter und herzzerreißender Würde diesen Feudalherrscher, der von der Zeit überrollt wird.
DER ABSCHÜBLING (Tunçay Kulaoğlu, 1998, 11. & 22.12.) erzählt den letzten Tag im Leben eines Flüchtlings vor der Abschiebung. Der Film beruht auf einer authentischen Geschichte.
TABUTTA RÖVAŞATA (Somersault in a Coffin, Derviş Zaim, 1996, 11. & 22.12.): Es gibt kein Auto, das der obdachlose Mahzun nicht stiehlt, kein Schloss, das er nicht knackt. Was ihn aber von allen anderen Dieben unterscheidet: Er bringt die Autos, die er in der Nacht geklaut hat, bei Morgengrauen frisch gewaschen wieder zurück. Er nutzt die Autos, um sich vor der Winterkälte zu schützen. In nüchternen Bildern erzählt Derviş Zaim in seinem vielfach ausgezeichneten Debütfilm von den kleinen wertvollen Dingen, die für ein Leben auf Istanbuls Straßen überlebensnotwendig sind.
FREMD (Hakan Savaş Mican, 2006, 12. & 17.12.) Meryem besucht ihren Sohn Adem in Deutschland. Eine Woche leben sie nebeneinander in Adems Wohnung, doch Meryem fühlt sich fehl am Platz.
YUMURTA (Ei, Semih Kaplanoğlu, 2007, 12. & 17.12.): Yusuf ist Dichter und hin- und hergerissen zwischen Land und Großstadt. Als er nach dem Tod seiner Mutter in seine Heimatstadt zurückkehrt, trifft er auf Ayla, eine entfernte Verwandte. Er begibt sich mit ihr auf eine Reise, um eine Opferzeremonie zu vollziehen. Es wird eine Reise in seine Kindheit – voller Erinnerungen, wobei das Ei nur eine von vielen Metaphern ist. YUMURTA ist der erste Film der Yusuf-Trilogie (Honig, Milch, Ei), einer Auseinandersetzung mit Mutter-Sohn-Beziehungen in der Türkei. In langen Einstellungen und sorgfältig ausbalancierten Bildkompositionen kreiert Kaplanoğlu Bilder von schlichter Schönheit.
ALEMANYA (Savaş Ceviz, 2002, 13. & 29.12.): Von Schleppern um sein Geld betrogen, versteckt sich Mahmud im Kofferraum des Mercedes eines deutschen Urlauberpaares, um nach Deutschland zu gelangen.
MASUMİYET (Innocence, Zeki Demirkubuz, 1997, 13. & 29.12.) erzählt die Dreiecksbeziehung zwischen Yusuf, der nach zehn Jahren Haft freigelassen wird, Bekir und dessen Freundin Uğur, einer Nachtklub-Sängerin, die seit Jahren ihrem Ehemann von einer Stadt in die andere folgt. Demirkubuz, der seine Filme ohne finanzielle Unterstützung dreht, ist einer der Pioniere im türkischen Independent-Kino. Demirkubuz ist geprägt durch die Repression während der Militärdiktatur; seine Figuren bleiben tragisch in sich gefangen. Demirkubuz macht ästhetisches, jedoch zutiefst politisches Kino, das nie moralische Züge annimmt.
MENSCHENSKIND (İbrahim Kahraman, 2004, 14. & 30.12.) Um seinen Sohn für sich zu gewinnen, knackt Tufan das Auto eines Kreuzberger Teilzeitweihnachtsmannes, um mit Sinan durchs nächtliche Berlin zu fahren.
YAZI TURA (Kopf oder Zahl, Uğur Yücel, 2004, 14. & 30.12.): Rıdvan, der Teufel aus Zentralanatolien, und Cevher, der Geist aus Istanbul, sind beide tief traumatisiert aus dem Krieg im Südosten der Türkei zurückgekehrt. Rıdvan hat sein linkes Bein verloren und Cevher kann nicht mehr hören. Beide müssen ihre Hoffnungen und Träume begraben. Die unruhigen Verhältnisse des Landes spiegeln sich in den dokumentarischen und mit bewegter Handkamera aufgenommenen Bildern. "Uğur Yücel zeigt, dass in der Zivilgesellschaft für traumatisierte Veteranen kein Platz ist: weil in ihnen Schuld und schlechtes Gewissen personifiziert sind." (Daniela Sannwald)
A FATHER'S PRAYER (Döndü Kılıc, 2005, 14. & 16.12.): Ein Vater in Palästina trauert in einer Moschee um seinen verstorbenen Sohn. Er zweifelt, hat Fragen an Gott und an sich selbst. Dann geht die Tür auf …
MAYIS SIKINTISI (Bedrängnis im Mai, Nuri Bilge Ceylan, 1999, 14. & 16.12.) ist das Scharnier, das Ceylans Spielfilmdebüt Kasaba (1997) und seinen wohl bekanntesten Film Uzak (2002) miteinander verbindet. Muzaffer, ambitionierter Filmemacher, kehrt an einem Tag im Mai in seine kleine Heimatstadt zurück. Er will hier einen Film drehen. Aus Geldmangel werden die Eltern als Darsteller engagiert, die sich widerwillig in ihre Rollen fügen. In langen Einstellungen beschwört die Kamera den Respekt der geduldigen Beobachtung und des Zuhörens. "Stadt und Land, Moderne und Tradition sind für Ceylan unversöhnliche Gegensätze, und in ihrer Begegnung ist der Verlust der Unschuld nicht wieder gutzumachen." (Dietmar Kammerer)
WARTEN AUF DIE KÜKENZEIT (Bilhan Derin, 2004, 16. & 25.12.) Eine Frau wird mit ihren Kindern in die Türkei geschickt. Leyla, die jüngste, versteckt Eier im Hühnerstall, damit Küken aus ihnen schlüpfen können. Aber am nächsten Tag sind die Eier verschwunden.
BULUTLARI BEKLERKEN (Warten auf die Wolken, Yeşim Ustaoğlu, 2005, 16. & 25.12.) Wie bereits in Reise zur Sonne (1999) greift Ustaoğlu auch in ihrem letzten Film ein heikles Thema auf: Die Zwangsumsiedlung der Pontos-Griechen an der Südostküste des Schwarzen Meeres vor, während und nach dem 1. Weltkrieg. "Die Kraft von BULUTLARI BEKLERKEN liegt in seiner minimalistischen kinematografischen Komposition. Der Film, gedreht in der schönen und kargen Berglandschaft im Nordosten der Türkei, zeigt Menschen, die unter diesen erschwerten Hochland-Bedingungen ihr Überleben meistern. Der Film ermöglicht uns damit eine authentische Nachempfindung dieses Lebens." (Müge Turan)
BILLY UND WILLY (Mustafa Dok, 2005, 13. & 17.12.): Billy hat die Druckmaschine gerade wieder in Bewegung gesetzt, als Willy erneut mit einer Änderung kommt.
BEYNELMİLEL (International, Sırrı Süreyya Önder, Muharrem Gülmez, 2006, 13. & 17.12.) ist der Versuch, sich einem dunklen Kapitel türkischer Geschichte, der Militärdiktatur, die das Land von 1980 bis 1982 beherrschte, humorvoll zu nähern. Als der Geiger der Militärkapelle Abuzer bei seiner Tochter die Internationale hört, ist er von der Musik inspiriert. Er komponiert einen Marsch für die Begrüßung der Generäle mit unvorhersehbaren Folgen. BEYNELMİLEL steht expemplarisch für ein neues politisches Mainstream-Kino, das in der Türkei sehr erfolgreich ist.
BERIVAN (Mıraz Bezar, 1995, 18. & 28.12.) Berivans Mutter arbeitet jeden Tag, so dass das zehnjährige Mädchen den Haushalt führen und ihren kleinen Bruder versorgen muss …
BEŞ VAKİT (Times and Winds, Reha Erdem, 2006, 18. & 28.12.) ist ein Film über den Rhythmus von Zeit. Die drei Freunde Ömer, Yakup und Yildiz leben in einem entlegenen Dorf im Westen der Türkei. "Beş Vakit" – die fünf Gebetsrufe des Muezzin –, die den Tagesablauf der gläubigen Muslime strukturieren, begleiten auch die Jungen durch den Tag. In seinem vierten Spielfilm zeigt Erdem das Leben in einem kleinen ägäischen Dorf durch die Augen von Kindern; es ist zugleich ein nüchterner Blick auf den Mythos von der glücklichen Kindheit. Ein filmisches Poem in fünf Kapiteln, zu dem Arvo Pärth die Filmmusik beisteuert.
PER LUFTPOST (Seyhan Derin, 1992, 20. & 27.12.) Tagträume eines Feldarbeiters in der Türkei und eines Bauarbeiters in Deutschland von einem besseren Leben …
SUSUZ YAZ (Trockener Sommer, Metin Erksan, 1964, 20. & 27.12.), ein Meisterwerk des türkischen Films, wurde vor 45 Jahren mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet. Erst vor kurzem wurde der Film wiederentdeckt und von der World Cinema Foundation restauriert. Der habsüchtige Bauer Osman hat den anderen Dorfbewohnern das Wasser abgesperrt, um sie zum Verkauf ihres Grundbesitzes zu zwingen. Als Osman bei einer Auseinandersetzung einen Bauern tötet, nimmt Hasan die Schuld auf sich und geht für ihn ins Gefängnis. Osman, der schon lange ein Auge auf Hasans Braut Bahar geworfen hat, nutzt eine Fehlinformation über den angeblichen Tod seines Bruders für seine Zwecke aus und überredet die hochschwangere Bahar, ihn zu heiraten. Als Hasan Jahre später in sein Heimatdorf zurückkehrt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf …
GETÜRKT (Fatih Akın, 1998, 23. & 26.12.) Als Musa, ein junger Türke aus Hamburg, dem coolen Ilami einen Joint verspricht, gerät er in größte Schwierigkeiten. Denn Ilami hat einen Leibwächter und eine Knarre. Aber Musa hat kein Dope …
MUHSİN BEY (Yavuz Turgul, 1987, 23. & 26.12.), gespielt von dem türkischen Super-Star Şener Şen, ist ein erfolgloser Konzertveranstalter, der seinen Idealen treu geblieben ist und kommerzielle Musik verabscheut. Als er auf einen jungen ehrgeizigen, aber talentlosen Arabesksänger aus Anatolien trifft, nimmt sein Leben eine völlig neue Wendung. Gedreht in Beyoğlu, dem alten, europäischen Stadtteil Istanbuls, bezaubert dieser Klassiker als Culture-Clash-Komödie und als wunderbares Stadtporträt gleichermaßen. (Martina Priessner)
Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Organisationskomitee Ehrengast Türkei der Frankfurter Buchmesse, dem Kultur und Tourismus-Ministerium der Republik Türkei, der Ankara Cinema Association, dem Deutschen Filminstitut – DIF e.V. und dem Ballhaus Naunynstraße (Berlin).
arsenal institut für film und videokunst e.v.

Stationen der Migration
Die deutsch-türkische Arbeitsmigration spiegelte sich bereits seit den 1970er-Jahren in der Kinokunst beider Länder wider. Von Ausnahmen abgesehen wurden Geschichten erzählt, die in Deutschland das Bild des Ausländers und in der Türkei das Klischee des Almancı (Deutsch-Türken) reproduzierten. Seit Anfang der neunziger Jahre nehmen junge deutsch-türkische Filmemacherinnen und Filmemacher eine andere Perspektive ein. Ihre Distanz gibt ihnen die Freiheit, neue Bildersprachen zu erfinden. Sie bringen in ihren Erzählungen die Stereotypen zum Tanzen und entwerfen Bilder für Migration abseits vom Opferdasein, die fast ohne Worte auskommen und von eindringlicher Symbolik zeugen. In ihrem Vortrag, der in Zusammenarbeit mit Tunçay Kulaoglu entstand, zeichnet die Filmemacherin Martina Priessner die verschiedenen Facetten dieser Entwicklung nach und zeigt Motive von Aufbruch, Unterwegssein, Ankommen und Rückkehr. Anhand zahlreicher Ausschnitte kommentiert sie Filmbilder der letzten 30 Jahre – eine historische Reise auf den Spuren des Almancı.

Europe in Motion - Moving images, shifting perspectives in transcultural cinema
„Europe in Motion“ präsentierte 2004 ein neues europäisches Filmschaffen, das sich mit den Auswirkungen von Migration und neuen Mobilitäten auf Europa und seine urbanen Kulturen befasst. Im Fokus standen Filme, die die veränderten kulturellen und sozialen Realitäten in Städten wie Berlin, London, Belgrad und Istanbul in den Blick rücken und von der Herausbildung grenzüberschreitender Räume und Lebenswelten aber auch neuer Grenzziehungen erzählen.
Im Rahmen einer einwöchigen Filmreihe, eines interdisziplinären Workshops und Sonderveranstaltungen bot „Europe in Motion“ die Gelegenheit, zahlreiche Filme etablierter sowie unbekannter europäischer RegisseurInnen zu sehen und mit diesen zu diskutieren. Das Programm in den Kinos Central und Eiszeit umfasste rund 60 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, darunter viele Filme, die erstmals in Deutschland zu sehen waren.
Konzept „Europe in Motion”
Asu Aksoy, Hanna Keller, Kira Kosnick, Tunçay Kulaoğlu, Shermin Langhoff, Martina Priessner, Kevin Robins

Sıla Yolu. Der Ferientransit in die Türkei
Vortrag im Rahmen der Finissage der Ausstellung Sıla Yolu von Can Sungu & Malve Lippmann im Depo Istanbul am 1. April 2017
